Granatapfel Punica Granatum Granatapfelkernöl Pomegranate

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Die pralle Frucht der Erotik

Ein Exot zieht seit fünftausend Jahren Denker, Künstler, Götter und Liebespaare in seinen Bann. Eine kleine Kulturgeschichte des Granatapfels

Klaus Thiele-Dohrmann

Was er soeben in einem Pariser Spezialitätengeschäft erstanden hatte, brachte nicht nur seinen Vitaminhaushalt auf Touren, sondern entzückte des Dichters Gaumen und Herz. Im Brief an seine Frau Clara schwärmte Rainer Maria Rilke von des Granatapfels "massiver Schwere" und dem "umgebogenen Ornament des Blütenstempels". Damals, im Herbst 1907, war die tizianrote Frucht in den nördlichen Ländern noch eine ausgesuchte Rarität. Inzwischen gehört der Exot ganz selbstverständlich zum winterlichen Angebot auf deutschen Wochenmärkten, leuchtet mal gelblich, mal rostrot, mal purpurfarben von den Verkaufstischen der südländischen Händler.

Rund, prall und schwer liegt die Frucht mit der kleinen Krone in unserer Hand. Aufgebrochen offenbart sie uns ihre ganze Sinnlichkeit: Dicht an dicht lagern die unzähligen rötlichen Fruchtkügelchen - jedes einen kleinen Samenkern enthaltend, von der benachbarten sorgsam durch ein dünnes weißes Häutchen getrennt. Und dieses überreiche, liebevoll ausgeklügelte Kammergehäuse wird gehütet von der lederzähen Schale. Ein perfektes System, um die Nachkommenschaft bis zur Reife zu schützen.
Kein Wunder, dass sich der pralle Prachtbrocken seit Jahrtausenden kaum einer Vereinnahmung widersetzen kann. Den Malern Botticelli, Grünewald und Dürer war er Metapher für Liebe, Fruchtbarkeit und göttlichen Segen. Auf Herrscherporträts wird das Obst zum Sinnbild der Macht. Und bis ins vergangene Jahrhundert verschrieben Mediziner seinen süßsäuerlichen Saft als Medizin gegen Gallenbeschwerden und Bandwurmleiden. Jeder bediente sich nach eigenem Gusto: Sogar den Toten wurde er als Symbol der Unsterblichkeit mit ins Grab gegeben.

Im Diesseits des alten Rom versprachen sich junge verheiratete Frauen von ihm Mutterfreuden und promenierten mit kleinen Kränzen, die aus Zweigen des Granatapfelbaums geflochten waren. Auf die Fruchtbarkeit spielt auch die griechische Sitte an, Hochzeitspaare mit Granatapfelkernen zu bewerfen. Oder die Gepflogenheit, vor der Braut die reife Kugel auf den Boden plumpsen zu lassen, sodass sie beim Aufplatzen die Vielzahl ihrer Samen zeige.

Schon im Alten Testament war auf die Wirkung dieses reichlich Wasser und Zucker speichernden Lebensmittels Verlass. Wo es wuchs, war fruchtbare Scholle: Über den hebräischen Namen rimmon für den Granatapfel stolpert man öfter, wenn man in alten Ortsverzeichnissen blättert. Im Hohen Lied entfaltet der Granatapfel seine ganze erotische Qualität. Die aufspringenden Knospen künden von sich anbahnender Liebe. "Gleich dem Riss im Granatapfel schimmert deine Schläfe hinter deinem Schleier hervor", begeistert sich der Balzende. Und das Mädchen will den Geliebten "tränken mit gewürztem Wein, mit dem Saft der Granaten".

Berühmt gemacht hat den Granatapfel der griechische Mythos von Persephone. Die Tochter der Fruchtbarkeitsgöttin Demeter wurde eines Tages vom Totengott Pluto in die Unterwelt verschleppt. Auf Befehl von Göttervater Zeus gab der Räuber das Mädchen zwar frei. Aber er band Persephone für immer an sich, indem er ihr Granatapfelkerne zu essen gab. Seitdem darf Persephone nur drei Viertel des Jahres auf der Erde verbringen. Während der Wintermonate harrt sie in der Totenwelt aus.

Selbst Julias "Nachtigall" saß auf einem Granatapfelbaum

Persephones Granatapfel wurde ein beliebtes Thema für ungezählte Dichter. Goethe und Schiller bestaunten ihn, Oscar Wilde nannte eine Sammlung von Erzählungen Das Granatapfelhaus, und Edith Wharton schrieb einen Kriminalroman, der auf die verhängnisvollen Granatapfelkerne der Proserpina anspielt, der römischen Variante zu Persephone. Und natürlich saß die Lerche, die Shakespeares Julia nur zu gern für eine Nachtigall gehalten hätte, im Geäst eines Granatapfelbaums.
So verwundert es nicht, dass sich viele Länder um die Ehre des Ursprungsortes streiten. Wahrscheinlich hat sich die Frucht von Babylonien aus in die Welt verbreitet. Bis ins dritte vorchristliche Jahrtausend lassen sich ihre Spuren dorthin zurückverfolgen. Während der Feldzüge von König Thutmosis III. gelangte sie nach Ägypten, und seit 900 vor Christus wurden in Griechenland Granatapfelbäume angepflanzt. Auch Zypern scheint früh ein bevorzugtes Gebiet für den Anbau von Granatäpfeln gewesen zu sein. Dort soll, so heißt es in einer Legende, die Liebesgöttin Aphrodite mit eigener Hand Granatapfelkerne in den Boden gelegt haben. So war das Fruchtbarkeitssymbol auch zu einem Symbol der Erotik geworden. Und ständig gewann die köstliche Frucht neue Liebhaber. Mit griechischen Siedlern wanderte sie nach Unteritalien. Punische Krieger brachten sie aus Nordafrika mit und verbreiteten sie in Spanien. Bis nach China gelangte der begehrte Liebesapfel.

Und überall zog er Dichter, Botaniker, Teppichweber, Götter, Liebende oder Seidenmaler in seinen Bann. Fünftausend Jahre Mythos und Kunst - welches Obst könnte gehaltvoller sein als der Granatapfel, diese gekrönte Venusfrucht?

(c) DIE ZEIT 1999
 

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